Druck auf den Arbeitnehmerschutz

20.05.2015/EG aus dem Internationalen Arbeitsamt (IAA) – Organ in der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO), Genf (CH)

IAA legt neuen Bericht zum Arbeitnehmerschutz in einer Arbeitswelt im Wandel vor – Rückläufige Zahl der Gewerkschaftsmitglieder schwächt Arbeitnehmerposition

In den 1980er und 1990er Jahren hat die Unterstützung für eine Politik des Mindestlohns abgenommen. Hohe Inflation und die Verlagerung von einer auf Einfuhrsubstitution gestützten Industrialisierung zu ausfuhrgesteuerten Wachstumspolitiken in zahlreichen Entwicklungsländern hatten zur Folge, dass viele Länder die Mindestlöhne nicht mehr angepasst haben und dass diese real gesunken sind. Die Diskussionen über Arbeitsmarktflexibilität und der Eindruck, dass Mindestlöhne und andere Arbeitnehmerschutzmaßnahmen zu Arbeitslosigkeit und informeller Wirtschaft beitragen, haben dazu geführt, dass der Mindestlohn eine geringere Stellung als Arbeitnehmerschutzinstrument einnimmt. Die rückläufige Zahl der Gewerkschaftsmitglieder und die verringerte Reichweite der Kollektivverhandlungen, ferner der Druck, den die Globalisierung und die Finanzmärkte ausüben, sowie die Verfügbarkeit neuer Technologien haben die Fähigkeit der Arbeitnehmer, Lohnerhöhungen auszuhandeln, geschwächt.

In 16 ausgewählten Ländern mit hohem Einkommen, die der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) angehören und für die Angaben (bis zurück in die 1970er Jahre) vorliegen, ist, wie Abbildung 2.1 zeigt, der Anteil des Arbeitnehmerentgelts am Bruttoinlandsprodukt (BIP) (die sogenannte Lohnquote) von einem Spitzenwert in Höhe von rund 75 Prozent Mitte der 1970er Jahre auf weniger als 65 Prozent kurz vor dem Ausbruch der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise gesunken. Auch wenn sich keine allgemeine Tendenz feststellen lässt, geht doch aus Untersuchungen und Berichten hervor, dass die Lohnquote auch in verschiedenen großen Schwellenländern und in den meisten Regionen der Welt rückläufig ist. 2 Dieser tendenzielle Rückgang der Lohnquote spiegelt sich in der Entkoppelung von Lohnwachstum und Produktivitätswachstum in vielen Teilen der Welt wider, eine Entkoppelung, die sich bis in die Jahre nach 2000 fortgesetzt hat; Abbildung 2.2. zeigt die Divergenz zwischen dem Wachstum der Durchschnittsreallöhne und der durchschnittlichen Arbeitsproduktivität zwischen 1999 und 2013 in den entwickelten Volkswirtschaften. Die Hauptursachen für diese Tendenzen sind von Land zu Land unterschiedlich, doch als relevante Faktoren wurden u.a. der geringere Bedarf an Arbeitskräften aufgrund des technologischen Wandels, die Intensivierung des Welthandels, der Druck zur Maximierung der Aktienwerte, geschwächte Arbeitsmarktinstitutionen und die verschlechterte Verhandlungsposition der Arbeitnehmer benannt.

Abbildung 2.1. Bereinigter Anteil des Arbeitseinkommens in ausgewählten OECD-Ländern mit hohem Einkommen, 1970-2011 (in Prozent des BIP):

Abbildung 2.2. Wachstumstendenzen bei Durchschnittslöhnen und Arbeitsproduktivität in den entwickelten Volkswirtschaften (Index), 1999-2013:

Die Entkoppelung von Lohn- und Produktivitätswachstum wird in den letzten Jahren von einem zunehmenden Lohngefälle begleitet; dabei ist die Lohnstagnation stärker ausgeprägter im Fall der Arbeitnehmer am unteren Ende der Lohnskala, die in der Regel wenig qualifiziert sind und sich in einer schwächeren Position befinden, um Lohnerhöhungen auszuhandeln, und die daher in höherem Maße auf institutionelle Unterstützungsmechanismen wie Kollektivverhandlungen und Mindestlöhne angewiesen sind. Die Verbreitung von Niedriglöhnen, d.h. der prozentuale Anteil der Arbeitnehmer mit einem Einkommen, das um zwei Drittel unter dem mittleren Lohn liegt, hat zwischen Mitte bis Ende der 1990er Jahre und Mitte bis Ende der 2000er Jahre in vielen Ländern tendenziell zugenommen (siehe Abbildung 2.3). In welchem Maße Niedriglöhne verbreitet sind und es in dieser Hinsicht zu Veränderungen gekommen ist, schwankt stark von Land zu Land; in Dänemark und Finnland machen Niedriglöhne lediglich 10 Prozent aus, während dieser Satz in Panama und Honduras wesentlich höher liegt, bei über 30 Prozent. Nichtsdestoweniger ist in einigen Ländern mit starken Ungleichheiten wie z. B. Brasilien der Anteil von Niedriglohnarbeitnehmern gesunken, wobei Erhöhungen des Mindestlohns in den 2000er Jahren den Übergang zu besser entlohnter Beschäftigung erleichtert haben. In nahezu sämtlichen Ländern ist die Wahrscheinlichkeit, zu der Niedriglohnkategorie zu zählen, für Frauen weit größer als für Männer. Dies ist nicht überraschend, da nach wie vor über die gesamte Lohnskala ein beträchtliches Lohngefälle zwischen Männern und Frauen besteht, das nur teilweise mit Unterschieden in Bezug auf Erfahrung, Ausbildung, Berufssparte oder andere arbeitsmarktrelevante Merkmale zu erklären ist. Insgesamt liegen die Durchschnittslöhne der Frauen in den verschiedenen Ländern zwischen 4 und 36 Prozent unter denen der Männer.

Abbildung 2.3 Niedriglohntendenzen in ausgewählten Ländern, 1995-2009 (in Prozent) – Steigende Tendenz auch in Deutschland:

Den 90-seitigen IAA-Bericht lesen Sie hier.