OECD: „Flüchtlinge verkörpern Hoffnung“

30.01.2016/EG aus der ‚Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung‘ (OECD), Berlin/Paris

OECD und UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) fordern mehr Anstrengungen zur Integration von Flüchtlingen

Regierungen sollten stärkere Anstrengungen zur Integration von Flüchtlingen unternehmen, um sie in die Lage zu versetzen, einen positiven Beitrag zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in Europa zu leisten. Dies ist die zentrale Forderung der Chefs von OECD und UNHCR im Rahmen einer hochrangigen Konferenz zur Integration von Flüchtlingen, die vergangenen Donnerstag in Paris stattfand.

Mehr als eine Million Menschen haben 2015 das Mittelmeer überquert, um in Europa Zuflucht zu suchen. Im gleichen Zeitraum haben 1,5 Millionen Menschen in OECD-Ländern einen Antrag auf Asyl gestellt. Das sind fast doppelt so viele Menschen wie 2014 und mehr Menschen als jemals zuvor. Gleichzeitig machen Asylbewerber nur 0,1 Prozent der Bevölkerung der OECD-Länder aus und nur 0,3% der gesamten Bevölkerung der EU.

OECD und UNHCR unterstreichen nicht nur die moralische Verpflichtung, sondern auch die positiven wirtschaftlichen Effekte, wenn Flüchtlingen in OECD-Ländern geholfen wird, die Fähigkeiten zu entwickeln, die sie benötigen, um produktiv und in Sicherheit die Arbeitsplätze von morgen auszufüllen.

“Flüchtlinge können und sollen Teil der Lösung sein, wenn es darum geht, den Herausforderungen unserer Gesellschaften zu begegnen“, sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría am Rande der Konferenz in Paris. „Die Flüchtlinge verkörpern Hoffnung: Hoffnung auf ein besseres Leben und eine bessere Zukunft für ihre und unsere Kinder. Um diese Hoffnung zu realisieren, sind allerdings unmittelbar erhebliche Investitionen nötig, um Flüchtlingen zu helfen sich niederzulassen und um ihre Qualifikationen anzupassen und weiter zu entwickeln. Auf kurze Sicht mag dies schwer und kostspielig sein, mittel- und langfristig werden wir aber alle davon profitieren“, so Gurría. „Unsere Analysen zeigen, welchen Gewinn erfolgreiche Integration für die Wirtschaft und Gesellschaft in den OECD-Ländern bringen kann. Ob sich diese Gewinne realisieren, wird jedoch davon abhängen, wie gut die Politiken zur Integration gestaltet und umgesetzt werden. Je eher Flüchtlinge die nötige Unterstützung erhalten, desto besser ist auf lange Sicht ihre Integrationsperspektive“, sagte der OECD-Generalsekretär.

„Integration ist ein Prozess, der zwei Seiten hat und sowohl dem Individuum wie der Gesellschaft erhebliche Anstrengungen abverlangt“, sagte der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge Filippo Grandi. „Um umfassend zum sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben im Aufnahmeland beitragen zu können, brauchen Flüchtlinge die gleichen Rechte und Chancen. Staaten müssen sicherstellen, dass Flüchtlinge eine positive und aktive Rolle in diesem Integrationsprozess spielen können, indem sie die entsprechenden Leistungen zur Verfügung stellen und sicherstellen, dass die Flüchtlinge in offenen Gemeinschaften aufgenommen werden.“

Zeitgleich mit der Konferenz hat die OECD die Studie „Erfolgreiche Integration – Flüchtlinge und sonstige Schutzbedürftige“ veröffentlicht, die die wichtigsten Lehren aus der Erfahrung der OECD-Länder mit der Integration von Flüchtlingen analysiert. Der Bericht zeigt anhand vieler positiver Beispiele, wie die Hürden für eine nachhaltige Integration von Flüchtlingen und ihrer Kinder abgebaut werden können. Die Studie stellt die Bedeutung schneller Hilfe heraus, einschließlich des Zugangs zu Beschäftigungsprogrammen und Hilfen zu Integration für Asylbewerber, die eine Bleibeperspektive haben. Der Bericht weist auch auf die große Bandbreite bei den Qualifikationen der Flüchtlinge hin und macht deutlich, dass das Integrationssystem dieser Unterschiede Rechnung tragen muss.

Zum Thema Dr. phil. Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, im DW-Interview am 10.12.2015 in Berlin:

„Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Bei vielen Herrschenden in der Welt ist es noch nicht angekommen. Wenn wir Entwicklungszusammenarbeit auch in Zukunft als Nebensache betrachten, ein paar Krümel zur Befriedigung des schlechten Gewissens geben und unsere Entwicklungsminister damit ausstatten, dann werden wir den Herausforderungen nicht gerecht. Wir leben in einem globalen Dorf! Ich nenne nur das Stichwort Klima. Die Experten sagen, wenn wir das Zwei-Grad-Ziel nicht erreichen, dann werden wir in den nächsten Jahrzehnten mit 100 Millionen, manche sagen sogar 200 Millionen Klimaflüchtlingen rechnen müssen. Das sind die Dimensionen der Herausforderungen, die auf uns zukommen. Afrikanische Länder rund um den Äquator sind in der Situation, dass bei steigender Erderwärmung ein Leben dort nicht mehr möglich sein wird. Es wird Wanderungsbewegungen nach Norden geben. Das sind keine Szenarien, die weit weg sind. Deshalb müssen wir jetzt vorausschauend neue Antworten finden. Und eine der Antworten ist Entwicklungspolitik als Zukunfts- und Friedenspolitik. Wer das nicht verstanden hat, wird in Zukunft einen hohen Preis zahlen.“