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Tarifflucht in Bayern

13.06.2018/EG aus dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Arbeitnehmer nahen Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf

WSI-Studie zur Tarifflucht in Bayern / Thorsten Schulten, Wirtschaftswissenschaftler: „Ins Reich der Mythen und Märchen gehört schließlich auch die Behauptung, bayerische Unternehmen würden weit überdurchschnittlich hohe Löhne zahlen“

„In Bayern werden nur noch 53 Prozent aller Beschäftigten durch einen Tarifvertrag geschützt. Damit ist der Freistaat das Schlusslicht unter den westdeutschen Bundesländern. (…)

Die geringe Tarifbindung hat direkte Auswirkungen auf Löhne und Arbeitsbedingungen in Bayern. Beschäftigte in nicht-tarifgebundenen Unternehmen verdienen nach den IAB-Daten im Schnitt 24 Prozent weniger als Arbeitnehmer in Betrieben mit Tarifvertrag. Bereinigt um verschiedene Struktureffekte (Branche, Unternehmensgröße usw.) liegt der Rückstand immer noch bei 9 Prozent, zeigen die Berechnungen des WSI. Auch wenn Unternehmen angeben, sich an bestehenden Tarifverträgen „zu orientieren“, beträgt die bereinigte Tariflücke etwa 9 Prozent. Für die betroffenen Beschäftigten bringt eine unverbindliche Orientierung an Tarifverträgen also in der Regel keine messbaren Entgeltvorteile.“ boeckler.de

Tarifverträge in der Kontraktlogistik – das Beispiel BMW

„Die industrielle Kontraktlogistik hat für die Metall- und Elektroindustrie eine wachsende Bedeutung. Insbesondere in der Automobilindustrie spielt die Kooperation mit externen Logistikdienstleistern eine zentrale Rolle. Dabei geht es nicht nur um die präzise Zulieferung von benötigten Teilen in getakteter Frequenz, sondern oft auch um die Übernahme von Vormontagetätigkeiten. Während die Auslagerung für die Hersteller Kostenvorteile von bis zu 50 Prozent brachte, führte dies bei den Beschäftigten in der Regel zu deutlich geringeren Löhnen.
Die IG Metall bemühte sich darum, die Arbeits- und Einkommensbedingungen für die Beschäftigten in diesem Bereich zu verbessern. Ein Beispiel hierfür ist BMW mit seinem Standort in Dingolfing (Grashei 2017). Die IG Metall schätzt, dass an dem dortigen BMW-Standort zwischen 2.000 und 4.000 Beschäftigte in der Kontraktlogistik tätig sind und zunehmend direkt auf dem Werksgelände arbeiten. Die Auftragsvergabe an den Kontraktlogistiker Schnellecke im Jahr 2014 war für die Gewerkschaft der Anlass, einen eigenen Tarifvertrag für diesen Bereich zu fordern.

Hilfreich war dabei ein „Memorandum of Understanding“ vom 30. Juni 2015 zwischen dem Vorstand und dem Gesamtbetriebsrat von BMW. Darin erklärte das Unternehmen seine Bereitschaft, bei der Vergabe von Logistikdienstleistungen auf dem Gelände von BMW-Werken nur solche Logistikunternehmen zu berücksichtigen, die für den Vergabeumfang einen entsprechenden Tarifvertrag mit der IG Metall abschließen. Voraussetzung dafür sei, dass ein „wettbewerbsfähiger Dienstleistungstarifvertrag“ der IG Metall zustande komme.

Im Januar 2016 wurden Tarifverträge mit Schnellecke unterzeichnet. Für die Beschäftigten galten die Bestimmungen des Entgeltrahmenabkommens der Metall- und Elektroindustrie Bayern, die Arbeitszeit wurde zunächst auf 38,5 Std./Woche festgesetzt und dann in zwei Schritten auf 37,5 Stunden (ab 2018) verkürzt, der Urlaub betrug zunächst 28 Arbeitstage, dann 29 und schließlich 30 Arbeitstage (ab 2018) und die Leistungszulage betrug betriebsdurchschnittlich 6 Prozent.

Mit zwei weiteren Logistikunternehmen, Kühne & Nagel sowie Imperial Logistics International, wurden 2016 und 2017 vergleichbare tarifliche Standards vereinbart.“